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Deutsche Kultur: Ein Kommentar zu Alexander Gauland

Alexander Gauland hat sich jüngst in einer Rede auf dem Kyffhäusertreffen dazu berufen gefühlt, eine Diskussion aus dem frühen Wahlkampf, die mir schon längst vergessen schien, wieder auszupacken [1]. Es geht um die Debatte zur Deutschen Leitkultur, in der die Integrationsbeauftragte des Bundes, Aydan Özoğuz, neben manch anderem auch gesagt hatte, dass eine spezifisch deutsche Kultur jenseits der Sprache nicht identifizierbar sei [2]. Als Germanist, der ja von Ausbildungswegen dem Thema nahesteht und der noch dazu einige Jahre mit der Vermittlung deutscher Kultur und Sprache seinen Lebensunterhalt bestritten hat, kann man dieses Ereignis kaum unkommentiert verstreichen lassen, vor allem dann nicht, wenn Gauland dann auch noch faktisch fragwürdige Dinge über die deutsche Sprach- und Kulturgeschichte behauptet.

Die Rede

Gauland holt zu Beginn seiner Rede weit aus und möchte an die Goethezeit erinnern. Er räumt ein, dass Deutschland zu dieser Zeit geteilt war, und zitiert Heinrich Heine mit einem Auszug aus seinem Wintermärchen: „Franzosen und Russen gehört das Land/Das Meer gehört den Briten,/Wir aber besitzen im Luftreich des Traums/Die Herrschaft unbestritten.“ [3] Was Heine verkannte, so Gauland, war, dass Heine die Gegenwart zwar erkannte, aber gleichzeitig nicht wahrnahm, dass sie der Beginn einer großen Zukunft war. Ohne Goethezeit keine Bismarckzeit beobachtet Gauland mit einer Schärfe und Gewissheit wie man sie nur in der Rückschau haben kann. Was dann in der Folge in der Bismarckzeit „Vollendung erlebte, dass hatte Luther begonnen, hatte Lessing fortgesetzt, und hatte die goethesche Sprache vollendet. Es war die Dominanz deutscher Kultur und deutscher Sprache in Europa. […] Es hat viel mit Goethe zu tun, obwohl es erstaunlich klingt, dass am Ausgang des 19. Jahrhunderts und zu Beginn des 20. wissenschaftliche Bücher in Deutsch geschrieben wurden und nicht in Englisch, das Erfindungen in deutsche Sprache gemacht wurden.“ Die faktische Richtigkeit dieser Aussagen zu überprüfen verschiebe ich einige Augenblicke, denn zuvor gilt es, Gauland noch Raum zur Erklärung dieses Exkurses zu geben.

„Warum erzähle ich das alles?“ fragt Gauland rhetorisch, und zwar zu Recht, denn es ist bislang nicht deutlich. „Weil wir eine Integrationsbeauftragte haben, die das alles für nichts erachtet. Die es nicht nur nicht kennt und nicht achtet, sondern die offensichtlich geistig vor einem Nichts steht.“  Es folgt das bereits eingangs verwiesene Zitat von Özoğuz aus dem Mai, worauf aus dem Publikum „Abschieben“ skandiert wird. Gauland fährt fort: „Bach, Heine, Goethe, Schiller, Kleist, Schubert, schlicht nicht identifizierbar. Und diese Dame gehört, mit einem deutschen Pass, damit’s ganz deutlich wird, der deutschen Bundesregierung an.“ Nun problematisiert Gauland: „Sie hat eine Aufgabe: Sie soll Menschen, die in dieses Land kommen, und die mit uns Leben wollen, integrieren. In was will sie denn integrieren, wenn das ein Nichts für sie ist. Man kann niemanden in ein Nichts integrieren, und wer sein eigenes Land und seine eigene Kultur nicht achtet, kann eben auch dafür nicht werben.“ Und er legt noch nach: „Wenn ich diese Dame ernst nehme, sind wir kulturlose Zeloten, denen sie erst unsere Identität erklären muss. Aber liebe Freunde, so funktioniert Staat und Volk nicht. Das hat schlichtweg nichts mehr mit Deutschland zu tun.“

Für die anschließende Selbstbeweihräucherung, die Frage der deutschen Kultur Aufgebracht und in den Medien zu haben (gegen deren Angemessenheit sich durchaus Thomas de Maizières Vorstoß im Mai vorbringen lassen könnte [4]) verlasse ich Gauland, auch wenn das heißt, seine Ausführungen zur Erinnerungskultur zu übergehen. Diese verdienen gesonderte Betrachtung und werden in der Presse bereits vermehrt diskutiert [5]. Als Kommentar sei hier lediglich gesagt, dass in meinen Augen ein Gefühl von Verantwortung für die Achtung der Menschenwürde in der Welt, dass sich aus den Verbrechen des Dritten Reichs ableitet, durchaus in einem Diskurs über spezifisch deutsche Kultur Platz finden können (und die vielleicht auch eine Erklärung dafür bietet, dass Gauland mit korpuslinguistischer Methode in 550 Seiten Parteiprogrammen der anderen Parteien nur 5 mal das Wort Deutsche findet, wogegen von Menschen mehr als 400 mal angesprochen werden, während die AfD alleine 15 mal das deutsche Volk anspricht)  – aber das greift der Frage nach deutscher Kultur vor, und um die soll es hier eigentlich gehen.

Sprachgeschichtliches

Zunächst aber zum Faktischen. Wenn Gauland von der Vollendung der deutschen Sprache in der Goethezeit spricht, dann gibt es dazu vieles zu sagen. Zur Erinnerung, noch einmal das Zitat:

„Was in der Bismarckzeit eben auch in diesem Denkmal [dem Kyffhäuserdenkmal] Vollendung erlebte, dass hatte Luther begonnen, hatte Lessing fortgesetzt, und hatte die goethesche Sprache vollendet. Es war die Dominanz deutscher Kultur und deutscher Sprache in Europa. […] Es hat viel mit Goethe zu tun, obwohl es erstaunlich klingt, dass am Ausgang des 19. Jahrhunderts und zu Beginn des 20. wissenschaftliche Bücher in Deutsch geschrieben wurden und nicht in Englisch, das Erfindungen in deutsche Sprache gemacht wurden.“

Was genau nach Gauland Goethe mit dem Schreiben von wissenschaftlichen Büchern zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu tun hat, bleibt offen, deshalb bleibt nur ein sprachgeschichtlicher Rundumschlag. Zum ersten bedient Gauland hier den Topos, dass die deutsche Sprache mit Goethe ihren Höhepunkt erreichte, und dass es konsequenterweise seither allenfalls bergab ging. Aus sprachwissenschaftlicher Sicht sind Aussagen über den Vervollkommnungsgrad einer Sprache mindestens Fragwürdig. Man könnte darüber reden, dass die deutsche Sprache in geringerem Maße als früher in wissenschaftlichen Texten vieler Fachrichtungen verwendet wird und in welchem Umfang die deutsche Wissenschaftssprache auf Fachtermini zurückgreift, die nicht aus deutschen Wortstämmen schöpfen (und dann auch gleich diskutieren, ob dies schlimm ist). Wenn man das wollte, würde man in der Sprachwissenschaft über den Ausbau des deutschen sprechen [6] – den Grad, zu dem Deutsch für verschiedene Zwecke eingesetzt wird – aber hierum scheint es Gauland nicht vordergründig zu gehen, wenngleich er die Dominanz des Englischen in der Wissenschaft anprangert. Was das aber mit Goethe zu tun hat, das bleibt unklar. Wenn Goethe sich auch durchaus in deutsche Sprache wissenschaftlich betätigt hat, so hat er das doch keineswegs erfunden, denn das ist bereits im 15. Jahrhundert dokumentiert. Wer sich davon selbst ein Bild machen möchte, kann dies zum Beispiel am Projekt RIDGES der Berliner Humboldt-Universität tun, die ein Korpus zur Entstehung der deutschen Wissenschaftssprache seit dem 15. Jahrhundert zusammengestellt haben [7]. Ohne hier über seine Fähigkeiten als Literat urteilen zu wollen, erscheint Goethe damit sprachgeschichtlich als ein Zwerg auf den Schultern von Riesen.

Das 15. Jahrhundert bietet dann auch gleich die Überleitung zur Diskussion Luthers. Wenn Gauland andeutet, dass Luther diese Vervollkommnung der deutschen Sprache angestoßen hat, dann ist auch das diskussionswürdig. Der Einfluss Luthers auf die Standardisierung des Deutschen ist in der historischen Sprachforschung durchaus diskutiert worden. Was sich nicht von der Hand weisen lässt, ist, dass Luthers Bibelübersetzung weite geographische Verbreitung erreichte, und dass die Ausbreitung einzelner Konventionen damit begünstigt wurde. Begründer der deutschen Sprache war er sicher nicht.

(Deutsche) Kultur

Nach viel drum rum aber nun zum eigentlichen Thema: deutsche Kultur. Neben der gemeinsamen Geschichte, deren hässlichste Aspekte uns nach seinem Willen nicht belasten sollen, nennt Gauland Monumentalarchitektur wie das Kyffhäuserdenkmal und die folgenden: „Bach, Heine, Goethe, Schiller, Kleist, Schubert“ also einen Komponisten des 18. Jahrhunderts, einen des 19., der der Liste als Wiener eine interessante Note verleiht, drei Literaten zwischen 18. und 19. Jahrhundert und ein letzter der fest im 19. Jahrhundert verortet ist, jedoch weite Teile seines Lebens im Exil in Paris verbrachte. Weil Gauland seinen eigenen Kulturbegriff nicht klar artikuliert, sondern es dem Zuhörer überlässt, die Lücken aufzufüllen, muss man rekonstruieren, was Gauland als deutsche Kultur versteht. Neben einer gemeinsamen Geschichte, auf die es Stolz zu sein gilt, ist es monumentale Architektur und Hochkultur im Sinne eines literarischen und musikalischen Kanons, in dem zeitgenössisches (verstanden als Werke seit der Mitte des 19. Jahrhunderts) keinen Platz hat, ebenso wenig Kulturschaffende, die nicht männlich sind.

Ohne gleich mit der Abwesenheit einer deutschen Kultur, wie sie Özoğuz postuliert hat, übereinzustimmen, ist es doch offensichtlich, dass Gaulands Vorstellung einer deutschen Kultur sehr eng gewählt ist. Überhaupt: Gauland spricht nicht über Kultur, er listet Werke bzw. deren Produzenten. Das ist entschieden einfacher als Kultur zu definieren, aber bringt auch Probleme mit sich. Wessen Kultur ist es?

Bereits zur Zeit der Entstehung des von Gauland postulierten hochkulturellen Kanons dürfte dieser nicht universell verbindlich für die gesamte deutsche Bevölkerung gewesen sein, deren flächendeckende Alphabetisierung im Wesentlichen ein Projekt des 19. Jahrhunderts war. Das deutsche Volk in seiner Breite, das Gauland und die AfD so betont ins Zentrum stellen, hatte mit dieser Kultur wahrscheinlich wenig zu tun: Auch grundlegende Alphabetisierung befähigt nicht zum Genuss von Faust II. Ferner ist auch der Kanon selbst vor dem Hintergrund seiner Entstehungszeit hinterfragbar. Unter den von Gauland genannten bietet sich da Kleist als illustrierendes Beispiel an: Kritiker wie auch Publikum scheinen Kleist zu Lebzeiten insgesamt wenig abgewinnen haben können [9]. Unter denjenigen, die der deutschen Literatur ihrer Zeit überhaupt wenig abgewinnen konnte, steckt übrigens mit Friedrich II (der Große) von Preußen, gestorben 1786 und damit mitten in der Goethezeit, wie sein im Original auf Französisch geschriebenes literaturkritisches Werk Ueber die deutsche Litteratur; die Mängel, die man ihr vorwerfen kann; die Ursachen derselben; und die Mittel sie zu verbessern [10] mindestens von Desinteresse zeugt.

Das historische Argument wird von der Gegenwart bestärkt. Der Kanon wird auch heute nicht von allen deutschen – deutscher oder auch fremder Herkunft (und über diese Aufteilung ließen sich auch noch viele Worte verlieren) rezipiert, akzeptiert oder wertgeschätzt. Man darf von relevanten Teilen der deutschen Bevölkerung ausgehen, denen Bach, Heine, Goethe, Schiller, Kleist und auch Schubert samt und sonders herzlich egal sind, einen Nummer-eins-Hit hatten zumindest 2016 in Deutschland weder Bach noch Schubert [11].

Was also ist die deutsche Kultur? Zu einer letztlichen Definition mag auch ich nicht kommen, sie umfasst jedoch eine Vielzahl von verschiedenen Handlungs-, Denk- und Lebensweisen, die in Deutschland auch von nicht dort sozialisierten und von in Deutschland sozialisierten auch außerhalb des Staatsgebiets durchgeführt werden. Ein Tourist verkörpert sie wohl noch am wenigsten (obwohl der Umgang mit Touristen wieder Teil der Kultur ist, so dass sich das nicht sauber trennen lässt), aber ein Gastarbeiter der ersten Stunde in Deutschland oder auch ein deutscher Auswanderer an einem beliebigen Ort der Welt können deutsche Kultur verkörpern. Hätte Migration keinen Einfluss auf deutsche Kultur, müsste man erklären, in welcher Weise das Verspeisen von Dönern in Deutschland keine gängige Praxis ist, und dem widerspricht die Empirie. Ja, auch Gauland mit seiner verinnerlichten oder nur vorgegebenen Berufung auf den Bildungskanon vertritt einen Teil deutscher Kultur, auch wenn es mir lieber wäre, wenn er das nicht täte. Man kann sich nicht aussuchen, mit wem man seine Kultur teilt, das gilt für mich wie für Gauland.

Im Unterricht Deutsch als Fremdsprache, in dem die Vermittlung deutscher Kultur ein wesentlicher Aspekt ist, ist es eine Herausforderung, die Vielfältigkeit deutscher Kultur herauszustellen. Haben Studenten etwas identifiziert, dass als typisch Deutsch gelten kann, findet man sich oft in der Situation, dass man sagt: „Ja, das gibt es, das ist sogar häufig, aber es gibt Leute die machen das ganz anders.“ So mag die Mehrheit der Bevölkerung in einem Café einen überschaubaren Centbetrag Trinkgeld geben, diejenigen, die sich gegen Trinkgeld als solches sträuben wie auch die, die sich zu Großzügigkeit berufen fühlen, machen die Generalisierung kaputt.

Man kann über Kulturen reden und versuchen, Generalisierungen zu finden, die möglichst wenige Ausnahmen haben. Özoğuz hat aber recht, wenn sie sagt, dass inhaltliche Füllung des Begriffs der Leitkultur zum Klischee verkommt. Mehr noch: eine Leitkultur, die von Oben aufoktroyiert wird, schränkt die faktisch existierende kulturelle Vielfalt ein. In der Wikipedia ist es gut formuliert: „Der Kulturbegriff ist im Laufe der Geschichte immer wieder von unterschiedlichen Seiten einer Bestimmung unterzogen worden. Je nachdem drückt sich in der Bezeichnung Kultur das jeweils lebendige Selbstverständnis und der Zeitgeist einer Epoche aus, der Herrschaftsstatus oder -anspruch bestimmter gesellschaftlicher Klassen oder auch wissenschaftliche und philosophisch-anthropologische Anschauungen“ [13, Hervorhebung von mir]. Wie ich das sehe, gibt es für die Regelung des öffentlichen Lebens Gesetze. Die sind natürlich auch ein Machtinstrument und gefallen nicht jedem, sie sind auch bestimmt nicht alle gut, aber immerhin kann man sie ändern. Was schön ist, ist dass sie nicht alles Regeln, denn dann käme die Welt zum Erliegen. Was innerhalb der Vorgaben von Gesetz und vor allem Grundgesetz passiert ist grundsätzlich zulässig und muss gesellschaftlich ausgehandelt werden. Gerade deswegen hat eine Leitkultur im Grundgesetz nichts zu suchen, wie es etwa von Seiten der CSU diskutiert wird [12]. Wenn Gesetze vorschreiben, auf welche Art Mitmenschen zu grüßen sind, dann greift das nach meiner Auffassung deutlich in die Persönlichkeitsrechte des einzelnen ein. An eine Zeit zu erinnern, in der das Nichtgrüßen auf eine heute in Deutschland verbotene Art Sanktionen nach sich ziehen konnte, das will ich nur im Vorübergehen. Achtung für Freiheit und Selbstbestimmung, auch die könnten als Kandidaten für deutsche Werte oder Elemente einer deutschen Kultur ins Gespräch gebracht werden, auch wenn da sicher Diskussionen geführt werden können. Wenn ich nach Vorschrift grüßen muss, dann sinkt der Freiheitsgrad drastisch. Der Begriff der Kultur wird nach diesem Muster schnell als Machtinstrument missbraucht. Gerade im Bereich der Kultur gilt es aber, Freiräume zur erhalten und auch neu zu schaffen. Auch Özoğuz hatte das im Mai schon erkannt: „Fragen sie mal Frauen, Mütter, Jugendliche oder Homosexuelle oder Menschen mit Behinderung, was sie von einer Konservierung der kulturellen Gepflogenheiten der 50er Jahre halten würden“ [14].

 

[1] https://youtu.be/RCb4KWtzLyo

[2] https://causa.tagesspiegel.de/gesellschaft/wie-nuetzlich-ist-eine-leitkultur-debatte/leitkultur-verkommt-zum-klischee-des-deutschseins.html

[3] http://gutenberg.spiegel.de/buch/-383/8

[4] http://www.spiegel.de/politik/deutschland/thomas-de-maizieres-leitkultur-wir-sind-nicht-burka-a-1145500.html

[5] für eine Auswahl:

https://www.buzzfeed.com/marcusengert/afd-spitzenkandidat-gauland-findet-deutsche-sollten-stolz

https://www.welt.de/politik/deutschland/article168663338/Gauland-fordert-Recht-stolz-zu-sein-auf-Leistungen-in-beiden-Weltkriegen.html

http://www.faz.net/aktuell/politik/bundestagswahl/afd-alexander-gauland-relativiert-verbrechen-der-wehrmacht-15199412.html

[6] https://de.wikipedia.org/wiki/Abstand_und_Ausbau

[7] https://www.linguistik.hu-berlin.de/de/institut/professuren/korpuslinguistik/forschung/ridges-projekt/ridges-projekt

[8] https://de.wikipedia.org/wiki/Heinrich_von_Kleist#Kleist_im_Urteil_seiner_Zeitgenossen

[9] https://de.wikipedia.org/wiki/Heinrich_von_Kleist#Kleist_im_Urteil_seiner_Zeitgenossen

[10] https://archive.org/details/delalittrature00freduoft

[11] https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Nummer-eins-Hits_in_Deutschland_(2016)#Singles

[12] https://www.bayernkurier.de/inland/9432-csu-will-verpflichtung-auf-leitkultur-in-der-verfassung-verankern/

[13] https://de.wikipedia.org/wiki/Kultur

[14] https://youtu.be/RMPK7EfkJog?t=3m8s

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Texasdeutsch und Sprachenvielfalt in Deutschland

Die deutsche Sprache hat eine lange Geschichte in Texas. Ihre Blütezeit liegt etwa von 1850 bis 1900, in den folgenden Jahrzehnten folgt ein stetiger Abstieg, nach 1950 fristet sie ihr Dasein im Untergrund. Zeitweise dürfte die Zahl der Deutschsprecher in Texas wohl bei 100.000 gelegen haben. Genaue Zahlen für heute gibt es nicht, die Größenordnung dürfte aber zwischen 5.000 und 10.000 liegen. Alle Texasdeutsch-Muttersprachler, die ich in meiner Arbeit im Texas German Dialect Project (TGDP) getroffen habe, waren jenseits der 60, ihr Altersdurchschnitt dürfte um 75 liegen. Blickt man neben dem Deutschen auf andere Einwandersprachen in Texas, etwa Polnisch oder Tschechisch, so erscheint allenfalls die Zahl der einstmaligen Sprecher erstaunlich, nicht aber der grundsätzliche Entwicklungsverlauf.

Wie soll man diese Entwicklung einschätzen? Eine Möglichkeit ist, diesen Verlauf als unausweichlich hinzunehmen und die Entwicklung einsprachiger Nationalstaaten zum Naturgesetz zu erheben. Dem lässt sich manches entgegensetzen, etwa der Einwand, dass sich in vielen europäischen Nationalstaaten, deren Name eine Sprache zugeordnet ist, eine Minderheitensprache finden lässt (Frankreich hat mit Bretonisch und auch Baskisch etwa gleich zwei). Der Umstand, dass Spanisch nach den Daten der American Community Survey für die Jahre von 2009 bis 1013 rund 7 der etwa 24 Millionen Einwohner von Texas im Alter von mindestens 5 Jahren zu Hause Spanisch sprechen, wäre ein weiterer Grund, den Niedergang von Deutsch in Texas als Schicksal abzutun [1]. Mit institutioneller Unterstützung hätte die Weitergabe der deutschen Sprache in Texas meines Erachtens durchaus bis in die Gegenwart bewerkstelligt werden können. Statt Mehrsprachigkeit zu kultivieren wurde jedoch das Gegenteil gemacht: Deutsch wurde als Unterrichtssprache verboten, nur Englisch durfte noch gesprochen werden.

Wie man die Realität, dass Texasdeutsch im Sterben liegt, beurteilt, ist eine weitere Frage. Man kann es mit einem Achselzucken abtun oder man kann es beweinen. Ich persönlich habe mich über die Jahre durchaus mit der Realität und der scheinbaren Unausweichlichkeit abgefunden, finde es aber durchaus schade und würde mich wohl freuen, wenn sich das Ende irgendwie abwenden ließe. Viele der Leute, die das TGDP interviewt hat, sehen das ähnlich. Sie bedauern, dass sie ihren Kindern kein Deutsch beigebracht haben, und sie finden es schade, dass sie die letzten ihrer Art sind.

Eine Frage, die sich mir stellt, ist ob sich aus den texanischen Verhältnissen etwas auf Deutschland übertragen lässt. In meinen Augen ist die parallele offensichtlich. Deutschland hat, Texas durchaus ähnlich, beachtliche Migrationswellen erfahren, die die sprachliche und kulturelle Vielfalt erhöht, ich möchte sagen bereichert hat. Vor diesem Hintergrund wäre es Heuchelei, das Verschwinden von Deutsch in Texas zu beklagen, und sich dem Schicksal der Herkunftssprache in Deutschland gegenüber zu verschließen.

Es gibt gute und zahlreiche Gründe, sich für ihren Erhalt und ihre Förderung einzusetzen. Wer es pragmatisch mag, kann sich mit dem wirtschaftlichen Wert von Fremdsprachen begnügen. In eine ähnliche Kategorie fallen Argumente, die aus Mehrsprachigkeit kognitive Vorteile erwachsen sehen. Eine einstmals verbreitete Annahme, nach der mehrsprachiges Aufwachsen der Entwicklung beider Sprachen schadet, schein allgemein nicht haltbar zu sein. Vielmehr ist es wohl so, dass die Stärkung einer zu Hause gesprochenen anderen Sprache die Kompetenz im Deutschen stärkt. Wer es idealistischer mag, der kann sich auf die sprachpolitischen Ziele der Europäischen Union berufen, nach denen jeder EU-Bürger neben seiner Muttersprache mindestens zwei weitere Fremdsprachen beherrschen sollte [2]. Wer kritteln möchte kann hier natürlich einwerfen, dass es sich bei der Herkunftssprache um eine weitere Muttersprache handelt. Dem Geiste nach arbeitet aber meines Erachtens aber die Förderung von mehrfacher Muttersprachlichkeit durchaus den hinter diesem Ziel liegenden höheren Gut der sprachlichen Vielfalt und des interkulturellen Dialogs zu.

Nun ist es nicht so, dass es in Deutschland keinerlei Ansätze gäbe, die existierende Mehrsprachigkeit zu fördern. Der Herkunftssprachliche Unterricht ist grundsätzlich existent, wird aber in verschiedenen Bundesländern sehr unterschiedlich umgesetzt und kann nicht als etabliert betrachtet werden [3]. Ein Problem scheint dabei, wie immer, die Finanzierung zu sein [4]. Nicht zu verachten sind bestimmt auch Probleme darin, qualifiziertes Lehrpersonal zu finden. Jüngst wurde dann Alarm geschlagen, weil deutsche Schulen von der türkischen Regierung bereitgestellte sogenannte Konsulatslehrer einsetzen, es gibt Angst vor Indoktrinierung, die den Zielen der deutschen Schulbildung entgegenstehen [5]. Ohne nähere Kenntnis des von diesen Lehrkräften gehaltenen Unterrichts, ohne eine Verurteilung vorzunehmen und ausdrücklich entgegen dem Glauben, dass eine Islamisierung des Abendlandes stattfindet, leuchten mir solche Bedenken angesichts der jüngeren politischen Entwicklung in der Türkei grundsätzlich durchaus ein. Das sollte jedoch weniger den Herkunftssprachlichen Unterricht an sich in Frage stellen, sondern die Finanzierungs- und Ausbildungsmodelle, auf denen ein solcher Unterricht basiert.

Damit wäre auch die Brücke geschlagen zum Zusammenhang von Mehrsprachigkeit und Staatsbürgertum. Die Qualität als Staatsbürger mit der Anzahl der beherrschten Muttersprachen in Verbindung zu bringen ist in meinen Augen mehr als Fragwürdig. Beweise dafür möchte ich an dieser Stelle nicht führen, jedoch den Bogen zurück nach Texas schlagen. Bei vielen meiner texasdeutschen Gesprächspartner habe ich eine starke Identifikation mit der deutschen Herkunft beobachten können, in Teilen bestimmt sogar Stolz. Bei all dieser Identifikation der Herkunft wurde aber nie das Gefühl in Frage gestellt, Amerikaner oder Texaner zu sein. Es geht eben, sich im Bewusstsein der Herkunft von Ort A mit einer Heimat B zu identifizieren.

Die Identifizierung mit der deutschen Herkunft ist freilich nicht von den Sprachkenntnissen abhängig. Als anekdotischer Beleg dafür wäre etwa die beachtliche Menge unzweifelhaft aus dem deutschen Sprachraum stammender Familiennahmen zu nennen, die sich Semester für Semester in den Einsteigerdeutschkursen an der University of Texas at Austin sammeln. Im Herkunftssprachlichen Unterricht wäre der Weg zur Kompetenz deutlich weniger steinig, so viel scheint sicher.

Als deutsche Gesellschaft steht man also vor der Wahl. Man kann Herkunftssprachen weiterhin stiefmütterlich behandeln, womöglich in der stillen Hoffnung, dass sich das Problem über die Generationen peu à peu erledigt. Dabei verliert man ökonomisches Kapital und riskiert, dass Kinder allgemein hinter ihren Möglichkeiten zurückbleiben. Womöglich zieht man sich auch eine beachtliche Bevölkerung heran, die sich wünscht, sie sprächen neben Deutsch auch eine weitere Sprache, die ihre Vorfahren sprachen. Alternativ kann man aber auch qualitativ und quantitativ angemessenen Herkunftssprachlichen Unterricht als Ziel auf die Bildungspolitische Agenda setzen. Man hätte dann weniger Anlass, sich zu beschweren, wenn andere die Aufgabe nicht im eigenen Sinne erledigen, und überhaupt gäbe es viel zu gewinnen.

[1] http://www2.census.gov/library/data/tables/2008/demo/language-use/2009-2013-acs-lang-tables-state.xls

[2] http://www.europarl.europa.eu/atyourservice/de/displayFtu.html?ftuId=FTU_5.13.6.html

[3] Dazu ein nicht ganz druckfrischer Text, der die wesentlichen Verhältnisse aber durchaus trifft: https://www.uni-due.de/imperia/md/content/prodaz/reich_hsu_prodaz.pdf

[4] http://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.muttersprachlicher-unterricht-spd-minister-stoch-erzuernt-die-gruenen.636dc9cd-88d9-46dd-8cfd-0378b9bb1002.html

[5] http://www.tagesspiegel.de/berlin/tuerkischer-konsulatsunterricht-in-berlin-erdogans-lehre-an-deutschen-schulen/14948592.html