Texasdeutsch und Sprachenvielfalt in Deutschland

Die deutsche Sprache hat eine lange Geschichte in Texas. Ihre Blütezeit liegt etwa von 1850 bis 1900, in den folgenden Jahrzehnten folgt ein stetiger Abstieg, nach 1950 fristet sie ihr Dasein im Untergrund. Zeitweise dürfte die Zahl der Deutschsprecher in Texas wohl bei 100.000 gelegen haben. Genaue Zahlen für heute gibt es nicht, die Größenordnung dürfte aber zwischen 5.000 und 10.000 liegen. Alle Texasdeutsch-Muttersprachler, die ich in meiner Arbeit im Texas German Dialect Project (TGDP) getroffen habe, waren jenseits der 60, ihr Altersdurchschnitt dürfte um 75 liegen. Blickt man neben dem Deutschen auf andere Einwandersprachen in Texas, etwa Polnisch oder Tschechisch, so erscheint allenfalls die Zahl der einstmaligen Sprecher erstaunlich, nicht aber der grundsätzliche Entwicklungsverlauf.

Wie soll man diese Entwicklung einschätzen? Eine Möglichkeit ist, diesen Verlauf als unausweichlich hinzunehmen und die Entwicklung einsprachiger Nationalstaaten zum Naturgesetz zu erheben. Dem lässt sich manches entgegensetzen, etwa der Einwand, dass sich in vielen europäischen Nationalstaaten, deren Name eine Sprache zugeordnet ist, eine Minderheitensprache finden lässt (Frankreich hat mit Bretonisch und auch Baskisch etwa gleich zwei). Der Umstand, dass Spanisch nach den Daten der American Community Survey für die Jahre von 2009 bis 1013 rund 7 der etwa 24 Millionen Einwohner von Texas im Alter von mindestens 5 Jahren zu Hause Spanisch sprechen, wäre ein weiterer Grund, den Niedergang von Deutsch in Texas als Schicksal abzutun [1]. Mit institutioneller Unterstützung hätte die Weitergabe der deutschen Sprache in Texas meines Erachtens durchaus bis in die Gegenwart bewerkstelligt werden können. Statt Mehrsprachigkeit zu kultivieren wurde jedoch das Gegenteil gemacht: Deutsch wurde als Unterrichtssprache verboten, nur Englisch durfte noch gesprochen werden.

Wie man die Realität, dass Texasdeutsch im Sterben liegt, beurteilt, ist eine weitere Frage. Man kann es mit einem Achselzucken abtun oder man kann es beweinen. Ich persönlich habe mich über die Jahre durchaus mit der Realität und der scheinbaren Unausweichlichkeit abgefunden, finde es aber durchaus schade und würde mich wohl freuen, wenn sich das Ende irgendwie abwenden ließe. Viele der Leute, die das TGDP interviewt hat, sehen das ähnlich. Sie bedauern, dass sie ihren Kindern kein Deutsch beigebracht haben, und sie finden es schade, dass sie die letzten ihrer Art sind.

Eine Frage, die sich mir stellt, ist ob sich aus den texanischen Verhältnissen etwas auf Deutschland übertragen lässt. In meinen Augen ist die parallele offensichtlich. Deutschland hat, Texas durchaus ähnlich, beachtliche Migrationswellen erfahren, die die sprachliche und kulturelle Vielfalt erhöht, ich möchte sagen bereichert hat. Vor diesem Hintergrund wäre es Heuchelei, das Verschwinden von Deutsch in Texas zu beklagen, und sich dem Schicksal der Herkunftssprache in Deutschland gegenüber zu verschließen.

Es gibt gute und zahlreiche Gründe, sich für ihren Erhalt und ihre Förderung einzusetzen. Wer es pragmatisch mag, kann sich mit dem wirtschaftlichen Wert von Fremdsprachen begnügen. In eine ähnliche Kategorie fallen Argumente, die aus Mehrsprachigkeit kognitive Vorteile erwachsen sehen. Eine einstmals verbreitete Annahme, nach der mehrsprachiges Aufwachsen der Entwicklung beider Sprachen schadet, schein allgemein nicht haltbar zu sein. Vielmehr ist es wohl so, dass die Stärkung einer zu Hause gesprochenen anderen Sprache die Kompetenz im Deutschen stärkt. Wer es idealistischer mag, der kann sich auf die sprachpolitischen Ziele der Europäischen Union berufen, nach denen jeder EU-Bürger neben seiner Muttersprache mindestens zwei weitere Fremdsprachen beherrschen sollte [2]. Wer kritteln möchte kann hier natürlich einwerfen, dass es sich bei der Herkunftssprache um eine weitere Muttersprache handelt. Dem Geiste nach arbeitet aber meines Erachtens aber die Förderung von mehrfacher Muttersprachlichkeit durchaus den hinter diesem Ziel liegenden höheren Gut der sprachlichen Vielfalt und des interkulturellen Dialogs zu.

Nun ist es nicht so, dass es in Deutschland keinerlei Ansätze gäbe, die existierende Mehrsprachigkeit zu fördern. Der Herkunftssprachliche Unterricht ist grundsätzlich existent, wird aber in verschiedenen Bundesländern sehr unterschiedlich umgesetzt und kann nicht als etabliert betrachtet werden [3]. Ein Problem scheint dabei, wie immer, die Finanzierung zu sein [4]. Nicht zu verachten sind bestimmt auch Probleme darin, qualifiziertes Lehrpersonal zu finden. Jüngst wurde dann Alarm geschlagen, weil deutsche Schulen von der türkischen Regierung bereitgestellte sogenannte Konsulatslehrer einsetzen, es gibt Angst vor Indoktrinierung, die den Zielen der deutschen Schulbildung entgegenstehen [5]. Ohne nähere Kenntnis des von diesen Lehrkräften gehaltenen Unterrichts, ohne eine Verurteilung vorzunehmen und ausdrücklich entgegen dem Glauben, dass eine Islamisierung des Abendlandes stattfindet, leuchten mir solche Bedenken angesichts der jüngeren politischen Entwicklung in der Türkei grundsätzlich durchaus ein. Das sollte jedoch weniger den Herkunftssprachlichen Unterricht an sich in Frage stellen, sondern die Finanzierungs- und Ausbildungsmodelle, auf denen ein solcher Unterricht basiert.

Damit wäre auch die Brücke geschlagen zum Zusammenhang von Mehrsprachigkeit und Staatsbürgertum. Die Qualität als Staatsbürger mit der Anzahl der beherrschten Muttersprachen in Verbindung zu bringen ist in meinen Augen mehr als Fragwürdig. Beweise dafür möchte ich an dieser Stelle nicht führen, jedoch den Bogen zurück nach Texas schlagen. Bei vielen meiner texasdeutschen Gesprächspartner habe ich eine starke Identifikation mit der deutschen Herkunft beobachten können, in Teilen bestimmt sogar Stolz. Bei all dieser Identifikation der Herkunft wurde aber nie das Gefühl in Frage gestellt, Amerikaner oder Texaner zu sein. Es geht eben, sich im Bewusstsein der Herkunft von Ort A mit einer Heimat B zu identifizieren.

Die Identifizierung mit der deutschen Herkunft ist freilich nicht von den Sprachkenntnissen abhängig. Als anekdotischer Beleg dafür wäre etwa die beachtliche Menge unzweifelhaft aus dem deutschen Sprachraum stammender Familiennahmen zu nennen, die sich Semester für Semester in den Einsteigerdeutschkursen an der University of Texas at Austin sammeln. Im Herkunftssprachlichen Unterricht wäre der Weg zur Kompetenz deutlich weniger steinig, so viel scheint sicher.

Als deutsche Gesellschaft steht man also vor der Wahl. Man kann Herkunftssprachen weiterhin stiefmütterlich behandeln, womöglich in der stillen Hoffnung, dass sich das Problem über die Generationen peu à peu erledigt. Dabei verliert man ökonomisches Kapital und riskiert, dass Kinder allgemein hinter ihren Möglichkeiten zurückbleiben. Womöglich zieht man sich auch eine beachtliche Bevölkerung heran, die sich wünscht, sie sprächen neben Deutsch auch eine weitere Sprache, die ihre Vorfahren sprachen. Alternativ kann man aber auch qualitativ und quantitativ angemessenen Herkunftssprachlichen Unterricht als Ziel auf die Bildungspolitische Agenda setzen. Man hätte dann weniger Anlass, sich zu beschweren, wenn andere die Aufgabe nicht im eigenen Sinne erledigen, und überhaupt gäbe es viel zu gewinnen.

[1] http://www2.census.gov/library/data/tables/2008/demo/language-use/2009-2013-acs-lang-tables-state.xls

[2] http://www.europarl.europa.eu/atyourservice/de/displayFtu.html?ftuId=FTU_5.13.6.html

[3] Dazu ein nicht ganz druckfrischer Text, der die wesentlichen Verhältnisse aber durchaus trifft: https://www.uni-due.de/imperia/md/content/prodaz/reich_hsu_prodaz.pdf

[4] http://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.muttersprachlicher-unterricht-spd-minister-stoch-erzuernt-die-gruenen.636dc9cd-88d9-46dd-8cfd-0378b9bb1002.html

[5] http://www.tagesspiegel.de/berlin/tuerkischer-konsulatsunterricht-in-berlin-erdogans-lehre-an-deutschen-schulen/14948592.html